Sonnenaufgang – Sonnenuntergang

Nahe der kleinen Karawane knickten die jahresmüden Knie des Kamels ineinander, ließen es schnell und doch behutsam in den heißen Sand fallen. Eine Fliege trippelte teilnahmslos und nach Nahrung suchend über das weise Auge des Tieres, das versuchte, den letzten Blick auf die untergehende Sonne zu erhaschen. Hier war es nun. Da, wo es begonnen hatte.

Unendlich langsam sah es sich um und erblickte, in der Ferne verschwommen, seine rastende Truppe. Und überall weißen Sand und rote Sonne.

Ein leichter Wind kam auf, streichelte dem greisen Kamel wie zum Abschied durch das zottelige Fell und verrieb den feinen Wüstensand darin. Es war keiner dieser beißenden Winde, die es seit jeher so gefürchtet hatte, sondern eine angenehm flüsternde Brise. Das Tier atmete immer langsamer, jeder Zug fiel ihm schwer.

In Gedanken noch einmal über die Welt und durch die Jahre schweifend, sah es schließlich zum Himmel hinauf. Dunkelrot. Am Morgen war er noch hell und so blau wie das Meer gewesen, das das Kamel aus seinen langen Wanderjahren kannte. So blau war der Himmel auch damals gewesen, als das Leben neu begann, hier an diesem Ort, in der sandigen Wüste.

Ein Vogelschwarm tauchte am Himmel auf. Wie gerne war es ihnen damals hinterhergejagt, zunächst fast wirklich, später nur noch in Gedanken. So viele Jahrzehnte hatte es den Melodien gelauscht, die die Schwärme über paradiesische Oasen sangen.

Als das Lied des Schwarmes allmählich mit ihm am Zenit verschwand, wurde dem Tier erneut die Sonne gewahr. Sie blickte nur noch ein winziges Stückchen über den Rand des Horizonts. Auf das leuchtende Rot des Abends folgte ein sternenklarer und dennoch schwarzer Himmel, bettete das Kamel in friedlicher Schläfrigkeit.

Der letzte Blick auf seine Karawane verriet ihm, dass sie schon bald weiterziehen würde. Ein junges Kamel schritt stolz vorneweg. Es zeigte, wie gut es bereits laufen konnte, obwohl es am Morgen erst geboren war. Steif und müde blickt ihm das alte Tier hinterher und schloss schließlich die bleiernen Lider um die trüben Augen. Ein letztes Mal hob sich sein Brustkorb und ließ dann einen allerletzten Hauch hinaus. Frischer Wind kam auf und trug die Dünen langsam weiter und veränderte die Landschaft für immer.

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