Rabenwinter

Foto: Robert Biermann

Meine Gedanken dazu

Diese Geschichte ist eine der drei bereits vorhandenen Ideen, die ich für mein entstehendes Hörgeschichten-Projekt InSzene ausgewählt habe. Sie wird Teil der ersten Staffel (Circles) sein, weshalb ich sie noch einmal überarbeitet habe.

Das erste Mal habe ich den Text hier im Dezember 2020 gepostet. Eigentlich wollte ich ihn in seiner ursprünglichen Form auf diesem Blog stehen lassen. Andererseits bin ich mit der jetzigen Überarbeitung zufriedener. Da ich noch am Projekt schreibe, kann es sein, dass sich ein paar Stellen nochmal verändern werden. Trotzdem möchte ich diese Version als Blogbeitrag nun ganz bewusst so lassen, wie sie ist, um zu dokumentieren, wie sich ein Text mit der Zeit verändert. Vielleicht mache ich das mit einer anderen Geschichte nochmal, von der ersten Idee an. Mal sehen.

Die Geschichte

Raureif lag auf Auen und Feldern und tauchte die hügelige Landschaft in klirrende Kälte. Still stand Lorana auf einem gefrorenen Acker nahe des Friedhofs. Die Glocke der Kapelle hörte sie noch immer, obwohl ihre Klänge bereits verstummt waren.


Trotz des Winters fror die Rabin nicht. Zumindest nicht so sehr, wie Menschen frieren, wenn Kälte ihre Haut berührt. Ihr schwarzes Gefieder schützte sie. Es schien sogar, als sei der Wind bedacht darauf, sie zu umwehen und in ihrem Kummer allein zu lassen.


Schwermütig hob sie die Beine und stakste über den Acker. Allmählich verstummten die Glocken auch in ihrem Herzen. Sie sah den dunkel gekleideten Menschen zu, die nahezu schweigend vom Friedhof zu dem Haus gingen, das die Rabin so oft besucht hatte. „Leichenschmaus!“, krähte sie verächtlich. Sie kannte das von ihrem Jungen. Dem kleinen Menschen, der gerade beerdigt worden war. Er war ihr Freund gewesen und hatte ihr seine Welt verständlicher gemacht. Von ihm hatte sie auch ihren Namen geschenkt bekommen.


Einer der dunkel Gekleideten war durch ihren Schrei auf sie aufmerksam geworden. Es war der Mann, der den Jungen immer gerufen hatte, bevor dieser abends verschwand. Wütend starrte er die Rabin an. Sie wusste, was er dachte. „Ich war es nicht!“, krächzte sie. Doch sie wusste auch, dass er sie nicht verstehen konnte. Nicht so wie der Junge. Eine Frau berührte den Mann sachte an seiner Schulter. Er ließ von Lorana ab und ging weiter. Zu kraftlos, seine Wut aufrecht zu halten.


„Sie halten mich für den gefiederten Tod“, wandte sie sich an den Wind. „Wieso kleiden sie sich dann in meinen Farben?“

„Sie trauern!“, flüsterte er.
Die Rabin schüttelte sich. „Sie geben mir die Schuld“, jammerte sie krächzend. „Dabei ist es der Winter, der sich die Schwachen holt“.

Schnee fiel zur Erde.


„Verspottest du mich?“, krähte Lorana an den Winter gewandt und blickte mit einem Auge feindselig gen Himmel. „Oder weinst du, weil du die Wahrheit nicht ertragen kannst?“ Eine ungewöhnliche Stille trat auf. Niemand schien mehr da zu sein. Alles um sie herum war verstummt. Bis der Wind mit unmittelbarer Kraft aufbrauste und der Rabin den Schnee des Winters ins Gefieder peitschte.


Aufgebracht breitete sie die Flügel aus und wurde mit einem Mal davongetragen. In der Ferne fiel ein Schuss. Da erkannte sie, was passiert war. Der Wind hatte sie gerettet. Im Flug trug er eine Botschaft des Winters mit. Ein bedauerndes Wispern, das allmählich lauter wurde.


Die Rabin wurde aus dem kleinen Dorf fortgetragen, in dem der Winter die Dächer, Straßen und Felder mit seinem Schnee bedeckte und die Spuren der Rabin verschwinden ließ. Nach einer Weile hatte Lorana Vertrauen gefasst und legte ihre Flügel ganz auf die Schwingen des Windes.

Bereitwillig ließ sie sich tragen. Zu einem Ort, den ihr Freund für sie ausgewählt hatte.

Er setzte sie weit entfernt an einer Trauerweide ab. „Hier bist du sicher“, flüsterte er und flog kurz darauf durch die Baumwipfel über die Welt davon.


Müde starrte die Rabin in den Himmel hinein, dessen Sterne allmählich sichtbar wurden. Ganz in der Nähe hörte sie einen Fluss rauschen. Und noch immer nahm sie das entschuldigende Flüstern des Winters wahr, der seinen Schnee sanft auf die nachtschwarzen Fichten fallen ließ. „Es ist in Ordnung“, krähte sie. „Ich verzeihe dir.“


Die Rabin wurde müde. Schwerfällig stakste sie unter den Zweigen der Trauerweide hindurch und ließ sich nieder. Dann schlief sie ein.

Als sie erwachte, hatte sich der Winter zum Gehen gewandt. Neugierig lächelten die ersten Anzeichen des Frühlings der Rabin entgegen. Es waren junge Schneeglöckchen, die ganz in der Nähe ihres Unterschlupfs die weißen Köpfchen aus der Erde streckten. Noch verschlafen schritt sie über Moose und Gräser und blickte sich um. Vor ihr lag ein schmaler, von Bäumen und Sträuchern gesäumter Fluss. Durch die Schneeschmelze wirkte er besonders wild. Die Rabin schaute sich noch einmal dankend zur Weide um und begab sich, nun etwas wacher, zum Flussufer, an dessen Ausuferungen geschmolzener Schnee in Pfützen stand. Wie ein Spiegel zeigten ihr diese, was sie von ihr sahen: Traurige Augen und tiefsitzenden Schmerz. Und doch! Da war auch diese leise Hoffnung auf einen Neuanfang. Eine wohlige Wärme, die die Frühlingssonne in ihr auslöste.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s